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Aktuelles

Grußwort der Aktion 3.Welt Saar beim Milchsymposium

des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter, am 21. Januar 2017 in Berlin

Veröffentlicht am 26.01.2017

Milchsymposium des „Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter e.V., BDM
Freie Märkte ohne Freiheit für die Bauern?

Sa, 21. Januar 2017, 13 – 18 Uhr, CityCube der Messe Berlin

Grußwort: Roland Röder – Aktion 3.Welt Saar e.V. , 13.15 Uhr
Es gilt das gesprochene Wort

Warum kooperieren der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter und die Aktion 3.Welt Saar e.V.?

Ein Grußwort der A3WS. - Das ist erklärungsbedürftig.

Wie kommt es eigentlich, dass der BDM und die Aktion 3.Welt Saar seit 2009 miteinander kooperieren?
Wie kommt es eigentlich, dass wir etwas miteinander zu tun haben?
Und Wie kam es eigentlich dazu, dass wir uns über den Weg gelaufen sind und letztlich zueinander gefunden haben.
Liebe auf den ersten Blick? - Wohl kaum.

Es war weder dem BDM – noch der A3WS in die Wiege gelegt, irgendwann miteinander zu kooperieren. Ihr seid eine Interessenvertretung von und für Bauern und wir sind eine politische NGO.

Dass wir beide – nachdem wir uns über den Weg gelaufen sind – irgendwie aneinander hängen geblieben sind, hat einen einfachen Grund: Ihr wie wir überwindet Grenzen und Mauern.

Niemand von Euch hat Bauer gelernt, um dann im BDM zu landen. Jeder von Euch hatte etwas anderes vor. Der Weg war vorgezeichnet:

  • Mehr oder weniger viel zu investieren, den ein oder anderen Stall zu vergrößern oder gleich neu zu bauen.
  • Brav zu melken, an die Molkerei abzuliefern …… auf die Zahlungen der Molkerei zu warten und schon habt ihr den Himmel – oder noch besser das Paradies – auf Erden.

Dies wurde jedem von Euch jahrzehntelang so in die Hand versprochen: Vom Bauernverband, von den landwirtschaftlichen Fachschulen, von den schlauen Beratern. Und ebenso von der Parteipolitikern

Bis immer mehr von Euch merkten, dass Ihr damit an eine Grenze kommt.

  • an die die Grenze des Wachstums
  • an die Grenze der eigenen Leistungsfähigkeit
  • an die Grenze des menschlich und biologisch Zumutbaren.

Man kann die tägliche Arbeitszeit für sich immer weiter ausdehnen. Man kann die freien Tage reduzieren. Das geht alles eine Zeitlang gut, manchmal ein paar Jahre. Bis zum Crash.

Der Crash kann ein persönlicher sein, ein betrieblicher. Jeder und jede von Euch hat seinen Crash erlebt – meist nicht nur einen.

Und weil diese Grenzen immer häufiger aufgetreten sind, kam es peu à peu zur Gründung des BDM und damit der Aufbruch zu neuen Ufern:

  • Zu politisch neuen Ufern,
  • zu verbandlich neuen Ufern ,
  • zu inhaltlich neuen Ufern
  • und zu menschlich neuen Ufern.

Ihr habt das Alte – das, was Euch verbandlich und politisch behindert hat – hinter Euch gelassen und Euch als Bauern in die Gesellschaft hinein geöffnet.
Das war neu, das hat es in den Jahrzehnten davor in der deutschen Landwirtschaft vorher noch nicht gegeben – von einigen kleineren Ausnahmen abgesehen.

Vorher war die Linie klar: Mit NGOs, mit Kirchen, mit Gewerkschaften kooperiert man nicht. Wenn überhaupt, dann - etwas salopp formuliert - in der Reihenfolge: Erst Kopf ab, dann wird diskutiert.

Und diese von Grenzen, Mauern und Dogmen geprägt Sicht auf die Welt, habt Ihr mit Gründung des BDM hinter Euch gelassen und ihr eine Absage erteilt.
Aus der Arbeit mit Flüchtlingen weiß ich: Kein Mensch flieht freiwillig. Auch Ihr seid nicht freiwillig aus Eurer alten Welt geflohen. Und dies war die Voraussetzung, um auf eine solch obskure Organisation wie die Aktion 3.Welt Saar zu stoßen.

Auch für uns war der Weg als NGO vorgezeichnet, als wir uns 1982 gründeten.

  • Wir sollten ein bisschen Fairen Handel im 3.Welt Laden machen.
  • Wir sollten ein bisschen über das Elend in der Welt informieren
  • Wir sollten hier vor der Haustür ein paar nette Bildungsprojekte machen, aber eben nicht politisch intervenieren
  • Wir sollten die Parteien in Deutschland in Ruhe lassen
  • Wir sollten brav sein und auch die anderen NGOs in Ruhe lassen
  • Wir sollten tolerant sein und in anderen Kulturen die Missachtung von Frauenrechten akzeptieren
  • Wir sollten tolerant sein und bei vielen Muslimen den Zwang für Frauen, ein Kopftuch zu tragen, akzeptieren; Zwangsheiraten mit eingeschlossen. Multikulti eben
  • Wir sollten mit anderen NGOs nette Spielkreise bilden, ein bisschen öffentlich herum klimpern und die Parteien in Ruhe Politik machen lassen
  • Wir sollten uns auf das Saarland als Betätigungsfeld reduzieren und nicht bundesweit unterwegs sein
  • Wir sollten uns irgendwie beschäftigen –aber eben auf keinen Fall eine politische Organisation werden, die in bestehende Debatten interveniert und sich nicht mit ein bisschen Winke-Winke zufrieden gibt.
  • Etc, etc, etc

Diese Rolle war für uns vorgesehen – und die Einhaltung der Rolle wurde und wird von den gesellschaftlichen Platzanweisern überwacht.

Von all dem – ihr ahnt es schon – haben wir uns peu à peu gelöst. Das ging nicht immer bruchlos und schon mal gar nicht schmerzlos.
Wer seine Ketten sprengt, trägt schon mal die ein oder andere Schramme davon: Nicht nur äußerlich. Es gab und gibt auch Fördermitglieder bei uns, die diesen Weg und diese Veränderung nicht mitgehen und den Verein verlassen. Den einen sind wir zu viel mit konventionell wirtschaftenden Bauern unterwegs, den anderen passt unsere Ablehnung von Kopftuchzwang nicht. Wenn man die ausgetretenen Gleise im eigenen Milieu verlässt, braucht man sich um fehlende Anfeindungen nicht zu sorgen.

Als A3WS haben wir bewusst kein Projekt in der sog. 3.Welt, weil wir uns nicht anmaßen möchten, über 1000de Km andere zu entwickeln. Wir bringen uns entwicklungspolitisch in diese Gesellschaft ein und bringen hier die Dinge ins Lot. Zumindest versuchen wir es. Wir sind im Saarland ansässig, arbeiten bundesweit und vor allem zu unterschiedlichen Themen wie Landwirtschaft, Ökonomie und Handelsfragen, Umwelt aber auch zu  Themen wie Asyl, Rassismus, Antisemitismus und Islamismus.

Zentrales Ziel unserer Arbeit ist der Anspruch, dass jeder Mensch auf der Erde Zugang zu den materiellen und kulturellen Ressourcen seiner Gesellschaft hat. Präziser gesagt: Es ist genug für alle da – das Problem ist die Verteilung.

Das hat mich auch vor Jahren motiviert, mich zu engagieren: Es werden weltweit genügend NM produziert, so dass niemand hungern und verhungern müsste. Alleine mit den in Europa sowie den USA und Kanada weggeworfenen Nahrungsmitteln, könnten alle Hungernden satt werden: 3 x. Der Neoliberalismus und die Kräfte des Marktes bekommen die Verteilung nicht auf die Reihe.

Dieses beidseitige Überwinden von Grenzen und das Brechen mit alten Konventionen hat zur Kooperation zwischen dem BDM und der A3WS geführt. Diese Kooperation wurde weder Euch noch uns in die Wiege gelegt.

Unsere Kooperation gibt es seit 2009. Sie zeigt sich auch in der Kampagne „ERNA goes fair – für eine faire Landwirtschaft weltweit“ ….. siehe Infostand im Foyer

Die Kooperation zeigt sich auch beim gemeinsamen Misstrauen und der begründeten Ablehnung –gegenüber drei gerade in NGO Kreisen weit verbreiteten Meinungen zu Landwirtschaft

1.Die individuelle Kaufentscheidung von VerbraucherInnen soll es richten
Die INDIVIDUELLE KONSUMENTSCHEIDUNG von VerbraucherInnen und insbesondere der Kauf von REGIONALEN PRODUKTEN wird als Allheilmittel präsentiert: Meist von recht untätigen Parteipolitikern. Es hat den Vorteil, dass man als Parteipolitiker ohne Ahnung zu haben und ohne  "dahin zu gehen, wo es weh tut" irgendetwas gut Klingendes äußert, Es klingt verlockend, dass man mit seiner Kaufentscheidung im Regal politisch etwas bewegen kann. Parteipolitiker lassen bei den politischen Koordinaten alles beim Alten, vermeiden Konflikte mit den Molkereien, dem Bauernverband und anderen aus der Branche und verteilen ein Placebo.
Nein, eine bessere Welt ist nicht käuflich. Sie kann nur politisch erstritten werden.

2.NGO Romantik

Exakt genauso verhalten sich zweitens viele NGOs, die fast wortgleich reden. Oftmals interessieren sie sich eigentlich nicht für die real existierenden Bauern und Bäuerinnen und präsentieren statt dessen einen Wunschzettel, wie sie – die NGOs - Landwirtschaft gerne hätten: Viel bio, viel freilaufende Tiere, ein paar Kühe, ein paar Schweine, Hühner dürfen nicht fehlen oder sind gar für eine vegane (!) Landwirtschaft ohne Tiere etc, etc, etc.
Während wir in einer hochgradig arbeitsteiligen Gesellschaft leben, sollen Bauern die Romantikvorstellungen von NGOs erfüllen. Das kann nicht sein.

3.Veganerwahn
Und weil sich manche NGOs nicht für real existierende Bauern und Bäuerinnen interessieren, bieten sie drittens auch eine offene Flanke für die jährlichen Anpöbeleien gegenüber Bauern auf der "Wir haben es satt" Demo. Dort werden Bauern von Tierrechtlern und Veganern als Mörder beschimpft und ebenso werden Tiere mit NS Opfern gleichgesetzt.
Zur Klarstellung: Niemand von den Veranstaltern dort will dies. Nur, wenn zum xten-Male solche Leute auf der eigenen Demo auflaufen und sich von den Appellen, dass es eine Demo MIT Bauern ist, nicht abhalten lassen, muss man sie ausschließen. Und man sollte die betreffenden Organisationen im Aufruf nennen. Wir haben dies zum wiederholten Male vorgeschlagen und ebenso einen Redenbeitrag von uns, der diese Romantikvorstellungen in NGO Kreisen thematisiert. Es ist beides ebenso zum wiederholten Male abgelehnt worden.

Auch diese Kritik

  • Am Hochleben der individuellen Konsumentscheidung
  • An romantischen Bauernhofvorstellungen
  • Am Bauernbashing von Veganern und Tierrechtlern

hat den BDM und die A3WS näher zusammen gebracht.

In diesem Sinne: Schön, dass wir zueinander gefunden haben. Auch wenn es schon ein bisschen schräg ist, sich in diesem Raumschiff namens Berlin zu treffen. Aber 1x oder 2x Berlin im Jahr kann man sich antun. Dann ist es aber auch wieder gut mit Berlin.

Lasst uns nachher anstoßen auf eine gute Zukunft und dass wir gemeinsam die Verhältnisse zum tanzen bringen. Das ist die Voraussetzung für eine gute Zukunft.

Abschließend von meiner Seite: Danke, dass es Euch – den BDM – gibt.

© Aktion 3.Welt Saar e.V.

Hier geht es zu dem Grußwort als pdf-Datei.

Hintergrund:

Der Opens external link in new windowBundesverband Deutscher Milchviehhalter und die Aktion 3.Welt Saar kooperieren seit einigen Jahren im Vernetzungsprojekt Opens internal link in current window"ERNA goes fair - Für eine Faire Landwirtschaft".

Sie haben gemeinsam die Flugschrift: "Milch billiger als Wasser - Faire Preise für Bauern. Welche Landwirtschaft wollen wir" im Jahr 2013 herausgegeben. Opens internal link in current window[mehr...]

Rede von Erwin Schöpges aus Belgien vom Europeen Milkboard (EMB)

 

Aktuelle Veranstaltungen zu Themen wie Agrar, Hunger, Landwirtschaft, Ernährung etc. finden Sie bei ERNA goes fair.

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9. / 10. Dezember 2017, Fellenbergmühle Merzig

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Samstag, 9. Dezember 2017, mit Mark Baumeister (NGG) und Thilo Rau (El Puente GmbH)

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